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Vertrauen Sie Ihrem Kind

30.08.2016 08:32

Interview mit Schulleiterin Isabella Brauns über einen neuen Lebensabschnitt für Abc-Schützen und Eltern

Schulleiterin Isabella Brauns freut sich auf die neuen Erstklässler an der Karl-Treutel-Schule
Was wünscht sich einer Schulleiterin für den ersten Schultag? Vor allem fröhliche und neugierige Schulanfänger, sagte Isabella Brauns, Direktorin an der Karl-Treutel-Schule in Kelsterbach, die der Redakteurin Christiane Hocke noch weitere Fragen rund um die Einschulung beantwortete.Wie sieht bei Ihnen an der Karl-Treutel-Schule in Kelsterbach der erste Schultag aus?

Frau Brauns, wie sieht bei Ihnen an der Karl-Treutel-Schule in Kelsterbach der erste Schultag aus?

ISABELLA BRAUNS: Um 10 Uhr begrüßen wir die Schulanfänger und ihre Eltern mit einer Feier in der Mehrzweckhalle. Das Programm besteht aus musikalischen Beiträgen der vierten Klassen – schließlich sind wir ja musikalische Grundschule. Nach circa 30 Minuten gehen die Kinder in ihre Klassen und erleben dort ihre erste Schulstunde. Die Väter und Mütter werden in dieser Zeit von den Eltern der vierten Klassen mit Kaffee und Kuchen bewirtet, ich werde ihnen noch etwas über unsere Schule und das, was ein Schulkind braucht, erzählen.

Wie können sich die Abc-Schützen am besten auf den neuen Schulalltag mit frühem Aufstehen und weniger freier Zeit für Spielen und Toben einstellen?

BRAUNS: Weniger Zeit für Spielen und Toben – das klingt so wie die alte Drohung: Warte nur, bis Du in die Schule kommst, dann musst Du ganz still sitzen! Kinder müssen sich bewegen, um Lernen zu können, das wissen auch die Lehrer. Bewegung gibt es in der Schule nicht nur in der Pause, gerade in den Anfangsklassen gibt es im Unterricht Bewegungsphasen. Das gehört auch zu unserem Konzept der musikalischen Grundschule: Musik (und Bewegung) in allen Fächern. Für das frühe Aufstehen hilft wohl nur zeitiges ins Bett gehen.

Was raten Sie Eltern, wenn ihre Kinder keine Lust auf Hausaufgaben haben?

BRAUNS: An unserer Schule werden die „Hausaufgaben“ zum großen Teil in den Lernzeiten am Unterrichtsvormittag erledigt – das ist Bestandteil unseres Konzeptes auf dem Weg zur Ganztagsschule. Bei allen Problemen mit dem Lernen gilt der Rat: ein Gespräch mit der Klassenlehrkraft. Kinder wollen lernen, schließlich haben sie ja auch ganz freiwillig laufen und sprechen gelernt – die Frage ist, ob es etwas gibt, was sie daran hindert.

Bis wann sollten Eltern ihre Kinder auf dem Weg in die Schule begleiten, ab wann können die Mädchen und Jungen den Schulweg alleine absolvieren?

BRAUNS: Den Schulweg möglichst schnell selbstständig zu bewältigen ist wichtig für die Kinder. Hier treffen sie Freunde, und es gibt nichts Besseres als Voraussetzung für das Lernen als frische Luft und Bewegung – „Zu Fuß zur Schule“ heißt unser Motto, und wenn es nicht anders geht, dann wenigstens das letzte Stück.
Gemeinsam mit dem Schulelternbeirat haben wir folgende Regelung entwickelt: In der ersten Schulwoche dürfen Eltern das Kind in den Klassenraum bringen. In der zweiten Schulwoche dürfen die Väter und Mütter das Kind bis zum Treffpunkt der Klasse bringen und in der dritten Schulwoche verabschieden sich die Eltern am Schulhoftor. Bis zur vierten Woche haben die Klassen das Verhalten auf den Überwegen geübt, die Mädchen und Jungen sollten zu diesem Zeitpunkt in der Lage sein, zumindest das letzte Stück des Weges ohne Eltern, aber wenn möglich mit Freunden zu bewältigen. Auch sollte der Schulhof in den Pausen für die Kinder „elternfreie Zone“ sein.

Welche Probleme beobachten Sie bei der Eingewöhnungsphase an die Schule und welche Tipps haben Sie, um diese besser zu bewältigen?

BRAUNS: Die Kinder haben gar keine so großen Probleme mit der Eingewöhnung in die Schule. Aus den Kitas kennen sie Regeln, sie haben schon in Projekten gearbeitet, sie sind sehr gut auf die Schule vorbereitet. Schwieriger ist die Eingewöhnung für die Eltern. In der Schule ist es nicht mehr möglich, die täglichen Tür- und Angel-Gespräche beim Bringen oder Abholen zu führen. Das führt oft bei den Eltern zu Verunsicherung. Den Eltern würde ich gerne diese Tipps geben: Nehmen Sie sich täglich Zeit für ein Gespräch mit Ihrem Kind. Vertrauen Sie Ihrem Kind, dass es seine Anliegen mehr und mehr selbst in die Hand nehmen will und kann. Vertrauen Sie der Schule, denn wir wollen – genau wie Sie – das Beste für Ihr Kind. Äußern Sie keine Bedenken gegenüber der Schule vor Ihrem Kind, suchen Sie stattdessen das Gespräch mit der Lehrkraft bei allen wichtigen Anliegen.

Wie hoch ist der Anteil an Abc-Schützen, die noch kein Deutsch sprechen?

BRAUNS: Kein Deutsch sprechen, das gibt es eigentlich gar nicht, denn spätestens bei der Schulanmeldung lernen die Kinder „Guten Tag, wie heißt du? – Ich heiße . . . “. Wir haben in fast allen Klassen ein bis zwei Kinder, die erst seit kurzem in Deutschland sind – aus europäischen Ländern wie Bulgarien, Portugal, aus Kriegsgebieten wie Syrien, aber auch aus China oder Korea. Diese Kinder erhalten zunächst Deutschunterricht in der Intensivklasse. Für Kinder, die schon länger hier sind, aber die Sprache noch nicht perfekt sprechen, haben wir zusätzliche Förderstunden. Im ersten Schuljahr ist sogar der Deutsch- und Mathematikunterricht weitgehend mit zwei Lehrkräften besetzt, dadurch gibt es eine Kleingruppe, in der die Kinder am gleichen Unterrichtsstoff verbunden mit intensiver Sprachförderung arbeiten.

Wird an Ihrer Schule Inklusion praktiziert? Wenn ja, wie viele Kinder sind unter den Erstklässlern gibt es, die das betrifft?

BRAUNS: Inklusion betrifft alle Kinder, denn im Gegensatz zum bisherigen gemeinsamen Unterricht geht Inklusion davon aus, dass alle Kinder mit ihren individuellen Fähigkeiten, Einschränkungen, Besonderheiten bestmöglich gefördert werden. Unser Unterricht entwickelt sich mehr und mehr in die Richtung, dass jedes Kind in seinem Tempo seine Ziele erreicht. Aber es gibt auch in allen Klassenstufen Kinder, die besondere zusätzliche Unterstützung erhalten, sei es durch Schulbegleitung oder durch Förderschullehrkräfte. Wir setzen Unterstützung ein, wo sie gebraucht wird, manchmal auch nur für einen begrenzten Zeitraum, deshalb lässt sich das nicht in Zahlen fassen. Fest steht für uns, dass dieses Prinzip allen Kindern zugute kommt.

Wie hat sich der Schulalltag der Schulanfänger in den vergangenen 10 bis 20 Jahren verändert?

BRAUNS: Im Stundenplan der Kinder sind nicht einzelne Fächer ausgewiesen, denn der Unterrichtsvormittag ist nicht mehr durch den 45-Minuten-Rhythmus gegliedert. Der Tag gliedert sich in Morgenkreis, Unterrichtsblöcke mit unterschiedlichen Arbeitsformen, Bewegungszeiten, gemeinsames Frühstück, offene Arbeitsphasen, Lernzeiten – doch neu sind nur die Lernzeiten, mit der Rhythmisierung des Vormittags haben wir schon vor 20 Jahren begonnen.

Kommt es vor, dass bereits Erstklässler mit einem Handy in die Schule kommen?

BRAUNS: An unserer Schule gibt es die Regelung, dass Handys, die auf dem Schulgelände benutzt werden, von Lehrkräften eingezogen werden. Sie können dann von den Eltern bei der Schulleitung abgeholt werden. Es kann also sein, dass Kinder ein Handy dabei haben, aber während des Schultags muss es ausgeschaltet sein und in der Schultasche bleiben. Die Umsetzung dieser Regelung klappt gut.

Steht bei den Erstklässlern auch schon die Heranführung an den Computer auf dem Stundenplan?

BRAUNS: Heranführen? Die Ausstattung der Schule hinkt technisch weit hinter dem her, was viele Kinder zu Hause an Tablets nutzen. Von daher hat der PC in der Schule für die Kinder längst nicht mehr den Reiz wie früher. Natürlich setzen wir Lernsoftware ein, zum Beispiel zum Lernen der deutschen Sprache oder in Mathematik. Manche Kinder machen in der Schule zum ersten Mal die Erfahrung, dass man einen PC auch zum Schreiben von Texten und nicht nur zum Spielen benutzen kann.

Was wünschen Sie sich persönlich für den ersten Schultag?

BRAUNS: Fröhliche und neugierige Schulanfänger, die voller Lernfreude zu uns kommen, und ebenso neugierige und offene Eltern, die ihre Kinder unterstützen, indem sie an sie glauben und ihnen vertrauen, die auf die großen Fortschritte schauen und nicht auf kleine Misserfolge – so wie sie es getan haben, als ihr Kind laufen gelernt hat.

Erschienen am 30.08.2016 in der Frankfurter Neuen Presse
Foto: Leo Postl

 

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